6. März 2012

Mörder und Volltrottel

Rückblickend auf das Gerichtsurteil zum Fall Lucie hat die AargauerZeitung heute die Kolumne vom Schweizer Komiker Peach Weber publiziert.
Ach, wie spricht er mir aus dem Herzen. Bravo!


az-Kolumnist Peach Weber (Originaltext, Quelle AargauerZeitung vom 6. März 2012)


DAS IST JETZT eine verzwickte Sache: Da mussten Gutachter ent- scheiden, ob der Mörder von Lucie eventuell in 30 Jahren plötzlich the- rapierbar wird. Wer soll das mit grosser Sicherheit beurteilen kön- nen?
MÜSSEN WIR als Gesellschaft ei- gentlich für alles Verständnis auf- bringen? Können wir nicht auch ein- mal sagen: Das wollen und können wir nicht tolerieren, du bist einfach eine miese Kreatur. Wir müssen dau- ernd alles verstehen, suchen die tie- feren Gründe, die ja immer irgend- wo in der Kindheit oder im Umfeld liegen. Und dann sieht der Mörder plötzlich ganz menschlich aus und ist einfach eine arme Sau – getrieben von den Umständen, für die er nichts kann.
GIBT ES ÜBERHAUPT noch einen Richter, Gutachter oder Staatsan- walt, der lakonisch zum Schluss kommt: Der Täter ist einfach selber schuld. Aus, Amen, basta! Ich habe Menschen erlebt, die noch mit 60 Jahren alle Schuld für ihre Probleme auf ihre Kindheit, Eltern, Ex-Partner und überhaupt die böse Welt gescho- ben haben.
GUT, JEDER HAT DAS RECHT auf eine zweite Chance. Was aber, wenn er diese verwirkt? Hat er dann noch das Recht auf eine dritte, vierte? Und ist überhaupt irgendwann Schluss? Können Sie sich noch dunkel an das Massaker in Norwegen erinnern? Breivik? Was mich damals wütend machte: Da überschlugen sich die Medien im Betiteln des Täters: «Der blonde Killer», «Der Satan», «Das kal- te Monster». Da ist mir zu viel Res- pekt und Faszination dahinter. Mir fehlen da Worte wie «Arroganter Vollidiot», «Feiges Dreckschwein», «Hosenscheisser».
IST ES EINE HELDENTAT, ein Auto mit Dünger zu einer Bombe umzu- bauen, in ein Stadtviertel zu stellen und davonzurennen? Ist es eine be- sondere Leistung, auf einer Insel oh-
Peach Weber
Peach Weber ist seit 35 Jahren Komiker und ist noch bis Ende Jahr mit seinem 13. Programm,
«Mister Gaga», auf Tournee.

ne Fluchtmöglichkeit auf wehrlose Jugendliche zu schiessen? Selber ist man natürlich geschützt durch eine schusssichere Weste – man will ja nach der Tat der Weltpresse zur Ver- fügung stehen. Wahrlich, eine muti- ge Aktion. Darf da die Gesellschaft nicht auch einmal Klartext reden, ei- ne solch missratene Kreatur auch mal mit absoluter Ablehnung bestra- fen?
DAS FÄNGT DOCH SCHON im Klei- neren an. Da liefern sich zwei Typen ein Rennen mit 120 durchs Dorf. In der Zeitung steht dann nichts von Vollidioten oder primitiven Horn- ochsen, sondern von zwei Rasern. Hallo, das ist in deren Kreisen keine Beschimpfung, sondern eine Aus- zeichnung! Danach wird noch der debile Vater der zwei Typen auf Tele Züri zum Interview gebeten, wo er erklären darf, dass seine Söhne nie schnell fahren. Es musste wohl ein technischer Defekt sein (wohl eher gentechnisch).
WAS ICH MEINE, ist, dass mir per- sönlich in solchen Fällen immer dem Täter zu viel Respekt entgegen-
gebracht wird. Man will sofort Erklä- rungen finden für das Fehlverhalten. Darf die Gesellschaft nicht auch ein- mal sagen: Du bist einfach ein Voll- trottel und selber schuld. Punkt.
EIN GANZ ANDERES BEISPIEL: Da reisen zwei mit dem VW-Bus und der Luftmatratze auf dem Dach in ein weltbekanntes Krisengebiet und kommen sich extrem mutig vor, so- lange nix passiert. Sollte es dann zu einer Entführung kommen – Heidi und der Geisel-Peter in der Hand von Alp-Kaida – muss der ganze Bundes- rat alles stehen und liegen lassen, um mit den Taliban, dem «Blauen September» oder der «Schwarzen Front radikalmilitanter Fundamen- talvegetarier» zu verhandeln. Wenn man unbedingt dort hin muss, wo man unter keinen Umständen hin sollte, kann man ja auch ruhig den Urlaub noch ein bisschen verlän- gern, oder? Dürfte da der Bundesrat nicht auch mal sagen: Selber schuld, wir haben jetzt keine Zeit.
GIBT ES ÜBERHAUPT noch irgend- jemanden, der einfach selber schuld ist? Der hirnlose Bergsteiger etwa, der in Adiletten auf den Piz Palü kra- xelt, und daraufhin mehrere Famili- enväter ihr Leben riskieren müssen, um den Vollpfosten aus der Steil- wand zu fischen?
ABER ZURÜCK zum Fall Lucie: Das Gericht will sicher sein, dass man den Täter nicht ungerecht behandelt und nimmt in Kauf, dass noch ein weiterer, unschuldiger Mensch dran glauben muss. Wo sind dessen Rech- te? In dubio pro reo – im Zweifelsfall für den Angeklagten? Warum nicht: Im Zweifelsfall für das nächste Opfer? 

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